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Um zu verstehen, wie es um die innere Verfassung bestimmter Kommune-Projekte wirklich bestellt ist, ist es hilfreich, sich eher auf deren Entstehungsgeschichte zu konzentrieren, als auf deren hehre abstrakte Hochglanz-Versprechen. Ein solcher Fall ist Tamera in Portugal.

Hier ein link zu einem "offenen Brief" vom Mitbegründer von Tamera Dieter Duhm anlässlich seines 75. Geburtstages und eine Antwort von mir darauf auf facebook....

 

Und dann noch von mir ein persönlicher Reisebericht dazu:

Bäume pflanzen im Paradies 

(März 2004)


Eigentlich wollte ich nur Bäume pflanzen. Und ein alternatives Gemeinschaftsprojekt kennen lernen, Tamera. Es wurde viel mehr daraus: Eine Reise zu Menschen, die „GENESIS II, die zweite Schöpfung, diesmal ohne Krieg“ (1) aufbauen wollen.

 

 

 Der Zeitpunkt ist günstig: Vorfrühling in Portugal. Zu Hause liegt noch Schnee. Bei meiner Ankunft in Faro kann ich bereits ein Sonnenbad am Strand nehmen. Dann geht es weiter mit dem Zug.
Zwei Junge Frauen, die mir mit ihren Rucksäcken und ihren suchenden Blicken aufgefallen waren, wollen ebenfalls zum workcamp. Veronique studiert Ökologische Landwirtschaft und will ihre Praxiserfahrungen vertiefen, Elisabeth ist Lehrerin aus Brandenburg und hat durch ein Erleuchtungserlebnis den Auftrag verspürt, den Menschen in Tamera „eine Botschaft“ zukommen zu lassen. In Amoreiras kommt noch Marina hinzu, eine 50jährige Psychologin aus der Schweiz, die auf der Suche ist nach einer neuen, kommunitären Lebensperspektive für sich selbst.

 

Vor meiner Abreise hatte mir Heike von der Seminarorganisation gesagt, der Kurs wäre mit 12 Teilnehmern bereits voll belegt, aber Männer könnten noch hinzukommen. Das hatte viel versprechend geklungen. Ich wollte auch herausfinden, was es mit dem Grundgedanken des Projektes, „es kann in der Welt keinen Frieden geben, solange in der Liebe Krieg ist“ (2) auf sich hat. Wie weit geht dieser Gedanke der „freien Liebe“, den das seit 26 Jahren existierende „Projekt Meiga“ vertritt, aus dem vor 9 Jahren Tamera hervorgegangen war?

 

 

 Als wir ankommen in Monte do Cerro stellt sich heraus, dass wir vier das ganze workcamp sind. Ich bekomme ein Zimmer zusammen mit einem anderen Mann. Die drei Frauen müssen sich ein Zimmer im Gästehaus teilen. Nach der Führung über das Gelände durch Irma, unsere Gästebetreuerin sollen wir unsere Erwartungen an die nächsten 14 Tage auf Papier schreiben. Ich will einfach nur Bäume pflanzen und nette Leute kennenlernen.

 

Am nächsten Tag sind wir eingeladen, die „Morgenandacht“ der Gemeinschaft zu besuchen. Dieses Ritual läuft von nun an jeden Tag gleich ab. Zuerst wird auf drei Musikstücke getanzt - eher verhalten. Dann kommt eine Ansprache. Der Sprecher oder die Sprecherin formuliert einen Leitgedanken, der mit eigenen Anschauungen und mit Zitaten von verschiedenen Geistesgrößen der Weltgeschichte  illustriert wird. Dann wird darauf verwiesen, dass das selbe Thema in einem Buch von Dieter Duhm oder Sabine Lichtenfels, den beiden Gründern des Projekts noch viel anschaulicher und überzeugender dargelegt wird. Die meisten Teilnehmer haben ein „Arbeitsbuch“ bei sich, in dem sie Gedanken aus der Andacht festhalten. Am Schluss singen wir gemeinsam ein Lied.

 

Derzeit wohnen ca. 90 Erwachsene und 10 Kinder und Jugendliche auf dem 134 ha großen Gelände. Im Winterhalbjahr ist die Gemeinschaft für sich. Im Sommer werden Gästekurse angeboten und Öffentlichkeitsveranstaltungen durchgeführt. Hauptauftrag ist es, den globalen Bewusstseinszustand „auf ein höheres Niveau“ zu bringen. Hierzu sollen weltweit „Heilungsbiotope“ entstehen, die nach dem Glauben der Tameraner ihre sozialen Erkenntnisse und Erfindungen per morphogenetischer Feldwirkung auf den Rest der Menschheit übertragen. Sie selbst sehen sich als das erste seiner Art.

 

Als wir zu unserem ersten Arbeitseinsatz aufbrechen wollen, steht plötzlich ein stattlicher Mann in der Türe und fragt, wo er sein Wohnmobil hinstellen kann. Es ist Jan, ein Holländer der seit Jahren mit seinem Hund Alfaro, einem Afghanen unterwegs ist. Er schließt sich uns an.
Wir gehen zum Quellenhang, an dem der Bagger bereits 100 Pflanzlöcher ausgehoben hat. Unsere Aufgabe ist es, die lehmige und steinige Erde mit Sand und Kompost zu vermengen und die Löcher wieder zuzuschaufeln. Dann werden selbstgezogene Bäume eingesetzt.
Letzte Nacht hatte es noch Frost gegeben und ein kalter Ostwind fegt den Hang hinauf. Wir schwitzen und frieren. Während des Mittagessens unter einer Korkeiche werden wir über die Philosophie und die geistige Ausrichtung des Projektes informiert.

 

 

 Mich nervt die messianische Grundhaltung. Letztlich sagen sie: Ihr seid die Krankheit und wir sind  die Heilung. Sie streben ein Leben „frei von Angst und Leiden“ an. Dies könne ausschließlich in einer Gemeinschaft geschehen. Exemplarisch für das Sendungsbewusstsein der Gruppe steht für mich der Tagebuchauszug einer dort groß gewordenen 16jährigen: (Zitat)
„Ich liebe das Leben! Die Welt! Sie weint! Sie schreit! Sie braucht Hilfe! Ich bin auf die Welt gekommen, um das Beste für sie zu tun.“ (3).

Nachmittags haben wir Gelegenheit zum Austausch untereinander und dann gibt es noch einmal eine „geistige Stunde“. Auch hier wird wieder über die Ziele und die einzelnen Verwirklichungsschritte des Projekts informiert. Fernziel sei es, ein „Friedensdorf“ in Palästina aufzubauen. Voraussetzung dafür wäre, dass 200 Menschen über drei Jahre hinweg als geschlossene Gruppe in Monte Cerro zusammenleben. Dafür sind Gelder bei der UN beantragt.

 

Das Essen ist reichhaltig und lecker und vegan, das heißt ohne Fleisch und Milchprodukte. Wir Gäste fühlen uns unsicher und gehemmt. Irgendwie schwebt ständig das Thema „richtig und falsch“ durch den Raum. Sogar unser Lachen erscheint manchmal zu laut. Alles ist vorgegeben, das Programm, die Moral, die Strukturen. Der Hund von Jan ist krank. Vielleicht stirbt er.

 

Heute wird die Morgenandacht von Dieter Duhm persönlich geleitet. Ein grauer Mann mit traurigen Gesichtszügen und lebendigen Augen. Er springt thematisch hin und her, wirkt zerstreut und getrieben. Die Gemeinde ist aufmerksam, aber nicht enthusiastisch. Wenigstens gibt es hier keinen Personenkult, denke ich mir, keine Fotos von den Gründern, keine Demutsbekundungen. Dr. Duhm, Soziologe und Psychoanalytiker,  sieht sich als Mischung aus Jesus und Marx. Beide sind Opfer ihrer Überzeugungen geworden, kommt mir in den Sinn.

 

In seinem aktuellen Buch „Die heilige Matrix“ schreibt er: „Es ist gefährlich, fast selbstmörderisch, die heißen Punkte einer Gesellschaft zu berühren, solange in einem selbst noch unverdaute Ängste und Projektionen sitzen. Die Friedensarbeit im Äußeren kann nur so weit wirksam werden, wie du wirklichen Frieden geschaffen hast in deinem Inneren. Und wirklichen Frieden findest du durch die restlose Überwindung von Angst und Hass.“ (S. 268)

 

Das klingt gut. Das klingt auch ziemlich maximalistisch.
Es greift die alte Diskussion auf, was brauchen wir zuerst. Erst den neuen Menschen, oder erst die neuen Verhältnisse, in denen dann friedliebende Menschen heranwachsen können. Tamera fordert seine Mitglieder auf, keine Angst, keinen Hass, keine Projektionen mehr haben zu sollen. Sogar „deine Gedanken sollten so oft wie möglich positiv sein“, werden wir bei der Morgenandacht ermahnt, denn damit „sendest du Signale in die Welt hinaus“ (4).

Nach jeder dieser Ansprachen freue ich mich wieder darauf, in der Erde zu graben und Bäume zu pflanzen. Beim Tanzen hatte mir eine wohlgeformte Dunkelhaarige längere Zeit zugelächelt. Jetzt geht sie neben mir und fragt mich, was wir so machen. Zum Abschied lächelt sie wieder.
Mir kommt ein Bericht über Sabine Lichtenfels in den Sinn. Sie ist neben Duhm die zweite Führungspersönlichkeit im Projekt und vertritt besonders nachdrücklich den weiblichen Archetyp, der „Lust am anonymen Eros“ und „direktem Sex“ hat. „Dies ist ein Teil der weiblichen Seele, der in unserer Kultur viel zu wenig Ausdruck findet“, wird sie zitiert. “Es ist die Suche nach dem – wie Erica Jong es nannte – „Spontanfick“, nach der nüchternen und kraftvollen Begegnung zwischen Mann und Frau, die sich weder kennen, noch kennenlernen müssen, noch artig drumherum reden, um „es“ zu tun“(5). Bin ich soeben einer dieser Frauen begegnet?

 

Heute haben wir Barbara Kovats zu Gast, eine der drei Personen, die die sogenannte „Regierung“ von Tamera bilden. Auf Nachfrage erläutert sie, dass es im Projekt keine demokratisch legitimierten Positionen gibt, sondern dass sie sich selbst eher als Managerin einer Firma sieht. Tatsächlich gehören das Gelände und die Mehrzahl der Gebäude zwei Privatpersonen, eine davon ist Sabine Lichtenfels.
Ich frage nach, wie Entscheidungen gefällt werden. Wer hat was zu sagen? Antwort: Das „kommunitäre Ich“ fällt die Entscheidungen. In langwierigen, informellen Gesprächen wird über offene Fragen ein Konsens hergestellt. Die Ergebnisse werden im Plenum mitgeteilt. Wer Probleme hat, erläutert diese vor der ganzen Gruppe in Form einer „Selbstdarstellung“ (SD) unter Anleitung eines erfahrenen „Forumsleiters“.  Bin ich womöglich in einer Sekte gelandet? Keine Demokratie, keine Hierarchie, keine Eifersucht, keine negativen Gefühle oder Gedanken, keine Privatheit, kein Privateigentum. Was ist hier los?

 

 

 Mit jedem Tag fühle ich mich wohler. Die Menschen sind nett, aufrichtig. An das vegane Essen habe ich mich inzwischen auch gewöhnt. Die körperliche Arbeit tut mir gut. Nur mein Verstand rotiert.
An unserem Aufforstungsprojekt beteiligen sich auch Einsteiger, die den Winter über hier in einem Gemeinschaftshaus verbracht haben. Sie schlafen zu dreizehnt in einem Matratzenlager. Wer länger als ein Jahr da ist, darf im eigenen Wohnwagen wohnen. Langjährige Mitglieder haben sich privat finanzierte Holzhäuschen gebaut.
Unsere workcamp-Leiter geben sich große Mühe, uns einen Eindruck von den umfassenden Aufgabenstellungen zu vermitteln, die hier bewältigt werden. Überall wird gebaut und gewerkelt. Der Lebensstandard ist einfach. Der Lebensrhythmus ist gemächlich. Hochglanzbroschüren beschreiben die nächsten Ausbauschritte. Innerhalb von zwei Jahren soll sich die Bewohnerzahl verdoppeln.

 

Am Wochenende habe ich dann doch mal Lust auf ein Käseomelette. Ich gehe 45 Minuten bis zur nächsten Ortschaft Reliquias. In der Kneipe treffe ich Bewohner von Tamera und Portugiesen. Das Essen ist gut und billig. Das Alentejo ist eines der am dünnsten besiedelten Gebiete Europas. Galao heißt Milchkaffee, obrigado heißt danke.
Auf meine Frage, wie die Gemeinschaft mit sozial unerwünschtem Verhalten, z.B. Drogenkonsum umgehe, erklärt mir meine Tischnachbarin, sie wären „streng und gerecht“. Auf weiteres Nachfragen erläutert sie, dass jeder, der hier mitmache, sich bereit erklärt habe, „an sich zu arbeiten“. Deswegen werde unerwünschtes Verhalten so lange öffentlich erörtert, bis es zu einer Veränderung käme. Nachts kann ich schlecht schlafen.

 

Am nächsten Morgen werden wir Zeuge eines ungewöhnlichen Auftritts.
Dieter Duhm, den sie hier Delon nennen, gibt die Ergebnisse einer dreitägigen Klausurtagung bekannt. Die Besprechungen der Kerngruppe, sagt er, seien so intensiv gewesen, wie seit Zeiten der „Bauhütte“, dem Ursprungsprojekt der Tameraner, nicht mehr.

In Zukunft wird es nur noch fünf verschiedene Arten der Zugehörigkeit geben. Jeder hat die Möglichkeit und auch die Pflicht, sich einer der fünf Kategorien zuzuordnen. Er spricht von einer „Flurbereinigung“ und davon, dass sich eine „Subkultur der Heimlichkeit“ im Projekt breit gemacht habe, die nun „verschwinden“ solle und davon, dass manche Gäste nur wegen ihres Vergnügens herkämen. „Das dürft ihr nicht mehr machen“. 

 

 

 Wieder eine Morgenandacht. Die Dunkelhaarige lächelt mir jetzt nicht mehr zu. Eine hübsche Zwanzigjährige in der informellen schwarz-roten Kluft der Projekt-Frauen hält die Ansprache. Sie zitiert aus dem „Kathechismus“ der Kerngruppe. „Gehe auf deinen Platz im Neuen Kontinent“. „Offenbare deine wichtigsten Dinge in der Gruppe“. Das fühle sich an für sie, wie wenn sie das „Mitglied einer streetgang“ sei - unangreifbar. Nach einem Jahr habe man dann „immerwährende Verbundenheit mit der heiligen Matrix“ erlangt.
Dieter Duhm sitzt neben ihr und lächelt ihr väterlich zu. Später erfahre ich, dass er tatsächlich ihr Vater ist. Am Nachmittag ist die selbe junge Frau als Vertreterin der Jugendschule Mirja bei uns zu Gast. Sie berichtet davon, dass bereits Pubertierende ihre sexuellen Wünsche im „Forum“ darstellen und an den unerwünschten Begleiterscheinungen von Neid, Eifersucht und Leidenschaft arbeiten würden. Männliche Jugendliche würden nach der „Kultur der Steinkreise“ von älteren Frauen in die Liebe eingeführt.

 

Nachmittags machen wir Vertrauensübungen mit den Pferden. Wir werden mit verbundenen Augen an sie herangeführt, um sie zu ertasten und zu riechen. Mein Gaul läuft immer wieder davon. „Alle Tiere sind unsere Freunde und Freunde isst man nicht“, hat man uns gesagt. Die zwei Hengste sind kastriert - sonst wären sie „zu wild“.

Der Hund von Jan ist heute gestorben. Wir machen eine kleine Trauerfeier. Eine kurze Ansprache, ein Lied, ein Baum wird gepflanzt. Dann gehen wir in’s Cafe nach Colos. Es ist schön, den Zyklus des Lebens so hautnah mitzuerleben. Roden und pflanzen, lieben und leiden, gewinnen und verlieren. Ich zweifle daran, dass ein Leben ohne Angst, ohne Wut, ohne Trauer möglich ist. Es wäre wohl auch ein Leben ohne Freuden.


 Am vorletzten Tag werden wir noch über die Ökonomie des Platzes aufgeklärt. „Es scheint ein Widerspruch zu sein, dass wir hier einerseits so einfach leben und andererseits so viel Geld brauchen für die Friedensarbeit“, meint Jani. Das denke ich mir auch. „Ich finde, die Friedensarbeit sollte ebensoviel Geld bekommen, wie die Rüstung“, fährt sie fort.
Dauerbewohner zahlen 300,- €uro pro Monat und arbeiten halbtags mit. Ein gutes Dutzend Angestellte ist durch einen Niedriglohn sozial abgesichert. Es werden noch dringend Fachleute gesucht, die bereit sind, drei Jahre lang fest einzusteigen und ein „Friedensdorf“ aufzubauen.
“Im Friedensdorf wählen die Menschen eine neue Richtung der Evolution und einen fundamentalen Paradigmenwechsel ihrer Existenz; … nicht mehr eine Moral, die aus der Verdrängung kommt, sondern eine Ethik, die aus der Anteilnahme kommt und aus der Transformation unserer eigenen Dunkelstellen; … nicht mehr Unterdrückung und Erniedrigung sexueller Kräfte, sondern ihre Befreiung und Humanisierung;“ (2)

 

Ich kann mir vorstellen, dass diese Maxime eine gute und überlebensnotwendige Strategie war, als vor 26 Jahren die 30 Kummunarden im Projekt Bauhütte um den Analytiker Dieter Duhm herum auf engstem Raum drei Jahre lang Tisch, Bett und alles andere miteinander geteilt haben. Mag sein, dass sich in diesem emotionalen Treibhaus zwischenmenschliche Beziehungsformen entwickelt haben, von denen der westliche Single nur träumen kann. Im rauen Klima von Portugal tun sich die früheren Genossen jedoch offensichtlich schwer, dem Wildwuchs privater Vorteilsnahme nachhaltig Einhalt zu gebieten.

 

 

 Die letzte Morgenandacht wird wieder von Delon persönlich geleitet.
“Urbi et orbi“ hebt er an, „…in spiritu Christi et Mariae …“.  Er spricht von Lichtwesen, die sich in verschiedenen Personen gleichzeitig materialisieren könnten und von einer Wiederbelebung matriarchalisch-archaischer Kulturen, in denen die Menschen sich durch ihre Lichtgestalt selbst heilen könnten.  „Du bist der Messias“ ist seine Botschaft an alle.

 

Unsere kleine Gästegruppe hat sich unter den erstaunten Augen unserer Betreuer am letzten Abend zum Portugiesen abgesetzt. Wir Männer bestellen Fleisch, die Frauen Fisch oder Omelette. Wir lachen so laut, dass die Einheimischen am Nachbartisch genervt herüberschauen, weil sie die gleichzeitig laufende Telenovela nun nicht mehr so gut hören können.
In der Abschlussrunde hatte ich offengelegt, dass in mir im Laufe der Woche der Wunsch entstanden war, einen Reisebericht über meine Erlebnisse zu schreiben. Es gab betroffene Gesichter und den Wunsch, den Artikel zur Korrektur gegenzulesen. Das lehnte ich ab, versprach jedoch, ihnen vor einer möglichen Veröffentlichung ein Exemplar zukommen zu lassen.

Ich bin mir sicher, die Bäume werden wachsen wie sie wollen im Paradiesgarten von Tamera.

Grafing im April 2004

 

Quellennachweis zu obigem Artikel
(1) Aus „Revolution für einen globalen Frieden“, 25.03.03 von Dieter Duhm
(2) Aus der Projektbeschreibung zum „Heilungsbiotop 1“ von Dieter Duhm, Februar 2002
(3) Aus einem Informationsprospekt zur Vergrößerung und Finanzierung des Gästezentrums
(4) Aus der Morgenandacht vom 03.03.04 mit Christo
(5) Dokumentation des IGF (Institut für globale Friedensarbeit) der Sommeruniversität 2000

 

 

 

 

Weitere Stellungnahmen zu Tamera

 

aus einem Artikel von Rich Thornton aus 2015:

 

siehe ...

https://www.vice.com/de/article/nn54wd/was-ich-bei-meiner-einjaehrigen-reise-durch-die-kommunen-der-welt-gelernt-habe

"Ich besuchte das Dorf zusammen mit 200 anderen interessierten Neulingen im Rahmen eines 12-tägigen Kennenlernkurses."


"Am letzten Abend durften wir kreativ zum Ausdruck bringen, welchen Eindruck die Gemeinschaft auf uns gemacht hatte. Eine Gruppe tapferer Laiendarsteller stellte ein satirisches Theaterstück auf die Beine, in dem sie die deutsche Strenge des „Camps", die Umständlichkeit der Regeln für ein Stelldichein in einem „Liebesraum" und die allgemeine Selbstgefälligkeit des Ökodorfs auf die Schippe nahm. Der scherzhafte Spott traf einen Nerv. Anstatt sich mit der ehrlichen Kritik auseinanderzusetzen, wiesen die Tameraner die Satire als anstößig und respektlos zurück."

Veronique
(Workcampteilnehmerin im März 2004)

Tja, Tamera... was kann ich darueber nun sagen? Es waren zwei sehr volle Wochen, zu voll. Wir waren fuenf Workcamp-Teilnehmer, "betreut" (im wahrsten Sinne des Wortes) von vier Mitarbeitern von Tamera (drei "Oekologen" und der Leiterin des Gaestehauses, wo wir untergebracht waren). Wir haben taeglich ca. vier Stunden gearbeitet (Baueme gepflanzt und wuchernde Straeucher ausgerissen oder zurueckgeschnitten). Und neben der Arbeit hatten wir geradezu einen "Stundenplan": vor dem Fruehstueck die Morgeneinstimmung mit der ganzen Gemeinschaft, beim Mittagessen war jeweils ein Tameraner eingeladen, der uns was erzaehlen sollte, nachmittags "Geistige Stunde", in der uns jemand seinen Arbeitsbereich vorstellte und oft abends nach dem Abendessen noch eine Gespraechsrunde, ein Film, ein Vortrag... Bei der Arbeit und in den Pausen die Versuche, mit den anderen Teilnehmern das Gehoerte, Gesehene, Erlebte nachzuvollziehen, die Auseinandersetzung.
Ich war anfangs sehr enttaeuscht von den Tameranern: Ich habe viele verschlossene Gesichter gesehen, viele Menschen, denen es offensichtlich nicht so gut geht. Fast nur schwarze Klamotten! Ich selbst hatte den Vorsatz, offen und wach zu sein. Doch ich habe mich schon in den ersten Tagen verschlossen, habe schnell verurteilt. Das hatte unter anderem damit zu tun, dass ich fuehlte, belehrt zu werden, waehrend meine eigenen Fragen und Antworten gar nicht von Interesse waren.

Das Schwierigste - und meine groesste Kritik an Tamera - ist die geistige Enge. In den ersten drei Morgenandachten, die ich erlebt habe, wurde aus Dieter Duhms "Heiliger Matrix" vorgelesen. Gerade da ich die Texte wenig inspirierend finde, hat es mich erschreckt, dass dieses Buch wie eine Bibel gehandhabt wird. Besonders fuer die jungen Leute, die in Tamera leben, beunruhigt mich das. Im Laufe der Zeit habe ich dann auch Menschen mit wachen, offenen Augen entdeckt. Leider habe ich Sabine Lichtenfels, mit Dieter Duhm die Begruenderin des Projekts, nicht kennen gelernt, da sie auf Reisen war. Gerade von den jungen Leuten habe ich gehoert, dass sie eine besondere Frau sein soll.
In Tamera konnte ich mich gar nicht erinnern, was mich eigentlich dorthin gefuehrt hatte, was mich damals, vor etwa einem Jahr, auf der Homepage angesprochen hatte. Das war die eigentliche Enttaeuschung: Ich habe keine Liebe gespuert zwischen den Menschen. Da war keine Zaertlichkeit, keine Freude, kein Lachen. Dafuer viel Ernst und "geistige Arbeit".

Es war gut, dass ich mir Tamera angesehen habe, aber dieser Ort ist fuer mich zu viel Konstrukt, zu viel Gedankengebaude, zu wenig "echtes Leben". Es wird dort viel gedacht und geredet, aber ihr Geld verdienen die Tameraner "draussen", indem sie in Deutschland arbeiten gehen. Und ob die "Friedensschule Mirja" mal wirklich "Friedensarbeiter" hervorbringen wird, wage ich noch zu bezweifeln. Ich bin mir nicht so sicher, ob die Schueler dort wirklich gutes Handwerkszeug bekommen.
Die zwei Wochen dort waren also keine einfache, aber auf jeden Fall klaerende Zeit. Vor allem mit meinen zwei Zimmergenossinnen hatte ich gute Gespraeche. Unsere kleine Teilnehmergruppe war auf jeden Fall eine Herausforderung fuer die "Betreuer"!

Posted by Astrid Haarland at Februar 12, 2003 12:25 EM unter http://www.bertha-dudde.de
/lksre/blog_alt/archives/
000447.html

... kritische Fragen haben sich als sehr berechtigt herausgestellt. Ich bin kein Sektenexperte, aber für den Fall, dass die Leute vom »Institut für Globale Friedensarbeit« bei Tamera nicht selber Auskunft geben wollen, habe ich mal im WWW recherchiert.
Eine Suche nach »Tamera Sekte« brachte mich zum Bereich Psychogruppen der Evangelischen Informationsstelle in der Schweiz: http://www.relinfo.ch/zegg/
Zusammenhänge, die dort aufgezeigt werden (meine Zusammenfassung):
Tamera ist ein neues Projekt von Sabine Lichtenfels und Dieter Duhm, die nach der Wende in Belzig bei Berlin das ZEGG (»Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung«) aufgebaut hatten. In diesem Zusammenhang werden oft Projekt und Verlag »Meiga«, Jugendorganisation »JETZT e.V.« und die »ZEGG-Universität« genannt. Früher war Duhm bei der AAO (»Aktions-Analytische Organisation«, aka »Friedrichshof«) des berüchtigten Otto Mühl, von dem er sich inzwischen distanziert hat. Danach entwickelte er 1978 das Projekt »Bauhütte«.
Mehr zu Otto Mühl und AAO: http://www.relinfo.ch/aao/info.html

Das Fazit der Evangelischen Informationsstelle:
... Inwieweit die nicht therapeutisch ausgebildeten Forumsleitenden all die aufgebrochenen Emotionen auffangen können, ist fraglich. Darüberhinaus kann der (Gruppen-)druck zur Selbstentblössung und zur Beschneidung der privaten Intimsphäre psychische und materielle Abhängigkeiten, ja sogar die Bewusstseinkontrolle fördern, und auch die Werbung durch Sex sowie der Missbrauch der »working guests« als billige Arbeitskräfte ist nicht auszuschliessen.

Bei IndyMedia habe ich diesen passenden Auszug gefunden:
ZEGG-Guru Dieter Duhm: »Eine Frau ist [...] eine natuerliche Anlaufstelle fuer alle Maenner [...] In einer organischen Gemeinschaft wird sie z.B. ganz von selbst die Liebeslehrerin vieler junger Maenner
sein [...] weil es ihre natuerliche Funktion ist«.

Thomas Preißer (Ökologenteam in Tamera 2004)

Lieber Markus,
danke, daß Du uns Deinen Reisebericht zugesandt hast. Es war nicht immer ganz leicht, sich zu verständigen. Hoch geschätzt habe ich aber immer die Bemühung dazu von beiden Seiten.
Zu Deinem Artikel: Ich möchte einige Dinge "richtigstellen", wo Du m.E. Sachverhalte nicht ganz richtig oder verkürzt dargelegt hast.
1. "Hauptauftrag" ist es, wenn man es so nennen will, ganz konkrete Modelle für eine gewaltfreie Besiedlung des Planeten Erde durch die menschliche Spezies aufzubauen. Und wir sehen uns als ein erster Ort, wo an diesem Vorhaben in seiner Gesamtkomplexität gearbeitet wird.
2. Für ein mögliches Friedensdorf in Israel/Palästina sind bislang keine Gelder bei der UNO beantragt. Und wir sind zu dem Schluß gekommen, daß es keine gänzlich abgeschlossene Gruppe über 3 Jahre wird. Es wird auch die Möglichkeit geben, für kürzere Zeit an dem Experiment teilzunehmen, die Frage ist noch, wie.
3. Dieter Duhm sieht sich sicher nicht als eine Mischung aus Marx und Jesus, aber das Projekt der Heilungsbiotope in einer geistigen Linie mit diesen beiden historischen Figuren.
4. Zu den "demokratisch legitimierten Positionen". Bori sieht sich als eine "Managerin", weil sie mit dem Wort "Regierung" noch nicht ganz glücklich ist. Im übrigen gibt es seit einiger Zeit eine von der Kerngemeinschaft mit Konsens eingesetzte "Satzung", in der steht, daß die Kerngemeinschaft ihre "Regierung" wählt.
5. Wenn man will und kann (sprich: einen hat), dann darf man auch von Anfang an in einem Wohnwagen wohnen. Das muß nur jeweils koordiniert werden, damit unsere Infrastruktur nicht überlastet wird.
6. Schön wäre es, wenn Du erwähnen würdest, daß es die betroffenen Gesichter wegen immer wieder erfolgter Verleumdungen und Falschdarstellungen gab.
Ich wünsche auch Dir alles Gute für die Zukunft, herzliche Grüße, Thomas Preißer (Ökologenteam)

Advaita Maria Bach in der Zeitschrift „Connection“ 1/2002

Am Abend des Tages, an dem ich meinen Vortrag hielt, gab es einen sogenannten „heißen Stuhl“ zum Thema Sexualität. Dies bedeutete, dass „Babette“, wie Sabine Lichtenfels intern genannt wird, und ich auf der kleinen Bühne im Vortragszelt saßen und Fragen aus dem Publikum zum Thema „Sex“ beantworteten. Hinter der Bühne fragte die Moderatorin mich vorher, ob sie nur „solidarische Fragen“ zulassen solle! Ich teilte ihr mit, dass ich für meinen Teil keine „Solidarität“ beanspruchte, dass ich mit jedem fertig würde, sogar mit Dummschwätzern. Dirigismus, auch wen er nur „sanft“ auftritt, bringt mich sofort auf die Barrikaden. Aus dem schweigenden Einverständnis zwischen Babette und der Moderatorin konnte ich dann entnehmen, dass man ab und zu eben doch sanft dirigieren wollte, damit auch alles immer schön solidarisch abläuft.

Es stellte sich bald heraus, dass Babette und ich auf die selben Fragen oft völlig verschiedene Antworten gaben. Zum Beispiel erzählte eine Frau von einem schweren Inzest, der ihr jahrelang zu schaffen gemacht hätte. Mancmal käme sie nicht zurecht mit der freien Sexualität, die sich die Menschen in Tamera auf die Fahnen geschrieben haben. Sie käme da an ihre Grenzen und wisse nicht, was sie tun solle. Ich antwortete ihr, dass es wichtig sei, sich selbst nicht zu vergewaltigen, die eigenen Grenzen zu respektieren, aber dort nicht stehern zu bleibe, sondern immer wieder nach Möglichkeiten zu suchen, diese Grenzen zu erweitern. Frau Lichtenfels antwortete ihr, dass doch die Sexuell freie Gesellschaft ihr dabei helfen würde, die freie Liebe zu verwirklichen.
Nach dem Vortrag äußerte die Moderatorin hinter der Bühne ihre Besorgnis darüber, dass wir keine ähnlichen, sondern sehr verschiedene Antworten gegeben hatten. Ich meinte, das sei doch nicht wichtig, das Publikum sei schließlich durchaus in der Lage, selbst zu denken und sich eine Meinung zu bilden. Aber mit dieser Auffassung schien ich bei den beiden anderen nicht durchzudringen.

Mein Eindruch war, dass man dort der Meinung ist, die Ideale der Gemeinschaft würden dem Einzelnen schon zeigen, wo es lang geht. Freiheit bdeutet für sie nichts anderes als Beftreiung von den Ängsten des bürgerlichen Lebens - durch Gehorsam gegenüber den Vereinbarungen der solidarischen Gemeinschaft. Meiner Meinung nach befreien die Ideale einer Gemeinschaft das Individuum jedoch keineswegs automatisch von seinen ganz real vorhandenen Ängsten.


 

Geändert am 02.02.2018